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                  Biblische Tatsachen!




Das ungelöste Problem der Naherwartung



Die unerfüllte Wiederkunft Jesu währt jetzt schon 2000 Jahre!




Die Naherwartung der Wiederkunft Christi. Welche Bedeutung hatte sie und welche Folgen ergaben sich durch das Ausbleiben der Wiederkunft? 


1. Einleitung  

Im NT begegnen wir der Naherwartung auf Schritt und Tritt. Sowohl in den Evangelien als auch in den Briefen bis hin zur Offenbarung des Johannes. Die Naherwartung war ein zentrales konstituierendes Element des Glaubens der Urgemeinde in Jerusalem und der ersten Christengemeinden in und außerhalb Israels, nicht nur für die an den Messias gläubigen Juden sondern auch für die gläubigen Nichtjuden. 

Dabei gab es bei den Jüngern eine doppelte Naherwartung. Vor dem Tode Jesu war es die Erwartung des baldigen Beginns des von Jesus angekündigten Reiches Gottes. Nach dem Tode Jesu war es die Erwartung der baldigen Wiederkunft Jesu und damit verknüpft der Beginn des Reiches Gottes. 

Es gibt heute unterschiedliche Formen der Naherwartung. Zusätzlich zur Erwartung der leiblichen Wiederkunft Christi auf dieser Erde gibt es z.B. die unter evangelikalen Christen verbreitete Entrückungshoffnung. Bei dieser Form gehen manche von einer plötzlichen „Entrückung“ (Hinwegnahme) der Gläubigen aus, die zu Jesus in die Luft versammelt würden, bevor Jesus leiblich die Erde betreten würde. Dabei ist der genaue Zeitpunkt der Entrückung umstritten, entweder geschehe es sieben oder dreieinhalb Jahre oder kurz bevor der Messias diese Erde wieder betreten wird. 
Ohne Zweifel hat Jesus seinen engen Jüngerkreis (allerdings nicht das gesamte Volk Israel) eindringlich zur Wachsamkeit aufgerufen, damit die Jünger für die baldige Wiederkunft des "Menschensohnes" (Bezug auf die vom Propheten Daniel an- gekündigte Heilsperson, vgl. Dan 7,13-14) und seines Reiches bereit seien. Spätestens nach ihrer eindrücklichen Erfahrung der Auferstehung Jesu war für die Jünger dieser angekündigte Menschensohn Jesus selbst. Deswegen wird in der Apostelgeschichte und den Briefen des Neuen Testament sowie der Offenbarung des Johannes die Person des davidischen Messias (d. h. der Messias wird als ein leiblicher Nachkomme des König Davids angesehen) mit dem vom Propheten Daniel angekündigten, kommenden Menschensohn gleichgesetzt, der am Ende der Zeiten ein weltweites Friedensreich einrichtet (vgl. z. B. 2. Tess 1,7). 


Die auf die Ankunft des  Menschensohnes bezogenen Warnungen und Appelle Jesu haben die Jünger nicht vergessen, sondern später in der Urgemeinde bezeugt und weitergegeben. Sie begründeten die über Jahrzehnte bestehende intensive Naherwartung der Wiederkunft Christi in den Urgemeinden und der Urkirche und vereinzelter christlichen Gemeinschaften bis heute.
„ Diese herrliche Perspektive gab den Christen in besonderer Weise Kraft, ihren Glauben zu leben.“

Doch welche Bedeutung hatte das für die damaligen Nachfolger Jesu? Und welche Auswirkungen hatte das Nicht eintreten der Naherwartung bis heute? 


2. Die theologische Bedeutung der Naherwartung 

2.1 Motivationsschub für Glauben und Mission  

Die Naherwartung bedeutete für die ersten Christen einen ungeheuren Motivationsschub für das kraftvolle Ausleben und die Ausbreitung ihres Glaubens. Sie lebten in der Erwartung, dass der Messias zu ihren Lebzeiten wiederkäme und sie deshalb nicht sterben würden. Auch Paulus stellte dies den Thessalonichern in Aussicht: Obgleich schon einige gläubige Geschwister gestorben waren, würden die Lebenden bei der Ankunft des Herrn in einem Nu verwandelt und würden unter Umgehung des Todes mit Christus und den schon gestorbenen Gläubigen, die kurz vorher ihren Auferstehungsleib bekämen, vereint werden: 

Denn dies sagen wir euch in einem Wort des Herrn, dass w i r, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen werden.
Denn der Herr selbst wird beim Befehlsruf, bei der Stimme eines Erzengels und bei <dem Schall> der Posaune Gottes herabkommen vom Himmel, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit beim Herrn sein. (1.Thess 4,15-17) 

Offensichtlich hatte es irritierende Fragen bei den Thessalonichern gegeben: Was passiert mit den schon vor der Ankunft des Herrn gestorbenen Gläubigen, von denen es immer mehr gab? Was ist mit dem Rest derer, die noch leben? 
Paulus tröstete und stellte eine Wiedervereinigung mit den Toten bei der Ankunft Christi in Aussicht. Dabei ging Paulus ganz klar davon aus, dass die Thessalonicher diese Ankunft des Herrn sehr bald erleben würden. 
Diese herrliche Perspektive gab den Christen in besonderer Weise Kraft, ihren Glauben zu leben, Strapazen und sogar Verfolgung auf sich zu nehmen. Die Zeit der Mühe und des Leidens war ja begrenz 
Das Durchhalten würde belohnt werden bei der baldigen Wiederkunft des Herrn. Dann würden die Verfolger bestraft werden, zur Genugtuung der Verfolgten: 

... euch aber, den Bedrängten, mit Ruhe vergilt, zusammen mit uns bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel her mit den Engeln seiner Macht, in flammendem Feuer. Dabei übt er Vergeltung an denen, die Gott nicht kennen, und an denen, die dem Evangelium unseres Herrn Jesus nicht gehorchen; sie werden Strafe leiden, ewiges Verderben vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke. (2.Thess 1,7-9) 

Für die Gläubigen war es wichtig, bereit zu sein, damit sie tadellos und ohne gravierendes Fehlverhalten bei der Wiederkunft Christi angetroffen werden würden. So schreibt Paulus den Thessalonichern: 
Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus
! (1.Thess 5,23) 
Das galt natürlich erst recht für Gemeinde Verantwortliche wie z. B. Titus, den Paulus angesichts der Wiederkunft Christi aufforderte, nicht von der rechten Lehre abzuweichen: 
...
daß du das Gebot unbefleckt, untadelig bewahrst bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus!“ (1.Tim 6,14) 

Angesichts der bevorstehenden Ankunft des Herrn schrieb Paulus den Korinthern „ins Stammbuch“, dass sie sich ihm gegenüber nicht von einem Kritikgeist bestimmen lassen sollten, der vorschnell beurteilt und verurteilt: 
So verurteilt nichts vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenbaren wird! Und dann wird jedem sein Lob werden von Gott.
(1.Kor 4,5) 
Paulus ging, wie die anderen Jünger und Apostel, davon aus, dass er am Ende des Zeitalters lebte und bald ein neues anfangen würde, und verknüpfte diese Feststellung mit der Ermahnung, durchzuhalten und einen korrekten Lebenswandel zu führen: 

Alles dies aber widerfuhr jenen als Vorbild und ist geschrieben worden zur Ermahnung für uns, über die das Ende der Zeitalter gekommen ist. Daher, wer zu  stehen meint, stehe zu, daß er nicht falle. (1.Kor 10,11+12) 
Immer wieder wird im Neuen Testament die nahe Ankunft des Herrn als Motivation für einen dem Christen entsprechenden Lebenswandel benutzt: indem wir unser Zusammen kommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte ist, sondern einander ermuntern, und das um so mehr, je mehr ihr den Tag herannahen seht! (Hebr 10,25) 
Habt auch ihr Geduld, stärkt eure Herzen! Denn die Ankunft des Herrn ist nahe gekommen. Seufzt nicht gegeneinander, Brüder, damit ihr nicht gerichtet werdet! Siehe, der Richter steht vor der Tür.“
(Jak 5,8+9) 

2.2 Jesu Naherwartung im Kontext seiner Jünger 

„Die so genannten Endzeit Reden Jesus waren an seine Jünger gerichtet, nicht an eine zukünftige Generation von Gläubigen.“
Unter der Voraussetzung, dass Jesus mit dem zukünftig kommenden Menschensohn sich selbst meinte , hat er seine Jünger dadurch motiviert, dass er ein baldiges Wiedersehen mit seinen Jüngern und seine baldige Ankunft in Herrlichkeit bzw. das bald anbrechende Reich Gottes in Aussicht stellte. 
Jesus wies seine Jünger darauf hin, dass der Menschensohn noch, bevor sie ihren Auftrag vollendet haben würden, vom Himmel wiederkommen würde: 
Wenn sie euch aber verfolgen in dieser Stadt, so fliehet in die andere; denn wahrlich, ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen sein wird.“
(Mt 10,23) 
Deswegen kündigte er ihnen auch an, dass einige seiner Jünger nicht sterben würden, bis er gekommen sein würde: 

Denn der Sohn des Menschen wird kommen in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun. Wahrlich, ich sage euch: Es sind einige von denen, die hier stehen, die werden den Tod keinesfalls schmecken, bis sie den Sohn des Menschen haben kommen sehen in seinem Reich. (Mt 16,27+28) 

Die von den Jüngern empfundene Härte der von Jesus geforderten radikalen Nachfolge wurde von ihm durch den Hinweis auf die zukünftigen Verhältnisse im Reich Gottes gerechtfertigt. Hier sehen wir eine gewisse Parallele zu Paulus, der wie oben erwähnt mit Hinweis auf die baldige Ankunft des Herrn die Gläubigen zum Durchhalten bewegen wollte. Immerhin hatten die Jünger wegen Jesus vieles verlassen: ihre Arbeit, teilweise ihre Familie, ihre Freunde. Das war schwer durchzuhalten, wenn nicht ein Ausgleich winkte bzw. die Zeit begrenzt würde. Deswegen ist ihre diesbezügliche Frage nur zu verständlich: 
Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns nun werden
? (Mt 19,27) 
Ihr aber seid es, die in meinen Anfechtungen bei mir ausgeharrt haben.
So vermache ich euch denn die Königswürde (oder: Königsherrschaft), wie mein Vater sie mir vermacht (= bestimmt) hat:  ihr sollt (dereinst) in meinem Reiche an meinem Tische essen und trinken und sollt auf Thronen sitzen, um die zwölf Stämme Israels zu richten (= als Herrscher zu leiten). (Lk 22,28-30, Menge-Übersetzung) 

Bei dieser Aussage Jesu ging es, da müssen wir uns von kirchlichen/freikirchlichen Vorstellungen frei machen, nicht um die Vertröstung auf einen christlichen Himmel, sondern um die neuen Verhältnisse, wenn Jesus auf diese Erde zurückkommt. Die Jünger sollten dann mit ihm herrschen (vgl. auch Offb 5,10!) Kurz vor seinem Tode stellte Jesus seinen Jüngern in Aussicht, dass er bald, im kommenden Reich Gottes, mit ihnen wieder Wein trinken würde: 
Ich sage euch aber, daß ich von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken werde, bis an jenem Tage, da ich es neu mit euch trinken werde in dem Reiche meines Vaters
. (Mt 26:29) 
Auch in der Offenbarung des Johannes wird den Nachfolgern Jesu in Aussicht gestellt, dass sie nach der Wiederkunft Jesu durch Teilnahme an seiner Königsherrschaft belohnt werden, wenn sie bis zum Ende durchhalten und die Schwierigkeiten überwinden. So sagt Jesus dort: 
Und wer überwindet und meine Werke bis ans Ende bewahrt, dem werde ich Macht über die Nationen geben.
(Offb 2,26) 

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Jesus größten Wert darauf legte, dass seine Jünger jederzeit für die Ankunft des Menschensohnes bzw. von ihm selbst bereit sein sollten. Das war, wenn man den Aussagen Jesu in den synoptischen Evangelien folgt, sogar von heilsentscheidender Wichtigkeit. Mit anderen Worten: Wer bei seiner Ankunft nicht bereit sein würde, bzw. wer nicht (mehr) mit der baldigen Ankunft rechnete und deswegen seinen vorbildlichen Lebenswandel aufgäbe, sogar sein Heil verlöre, wenn er kommt. 
Diese eindringlichen Warnungen Jesu könnten eine Erklärung dafür sein, warum die Jünger und die durch sie zum Glauben Gekommenen so hartnäckig an ihrer Naherwartung festhielten, auch als die Apostel wegstarben und sogar viele Jahrzehnte darüber hinaus. 

Die von Jesus verordnete Erwartung der Ankunft des Menschensohnes steht übrigens im krassen Gegensatz zum Verhalten der heutigen Mehrheit der Christenheit. Nur eine Minderheit erwartet wirklich das Kommen des Menschensohnes bzw. Jesu in der heutigen Zeit. 
Auch die Heilsbedeutung des korrekten eigenen Lebenswandels der Christen bei der Ankunft des Menschensohnes (vgl. Lk 12,44-46) wird zumindest von der evangelischen Christenheit weitgehend ignoriert bzw. entschärft. 
Glückselig jene Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend finden wird! Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich umgürten und sie sich zu Tisch legen lassen und wird hinzutreten und sie bedienen.
(Lk 12,36+37) 
Und ihr, seid Menschen gleich, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen mag von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich öffnen. Auch ihr, seid bereit! Denn der Sohn des Menschen kommt in der Stunde, da ihr es nicht meint.
(Lk 12,40) 

Der Herr aber sprach: Wer ist nun der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde setzen wird, um <ihm> die zugemessene Speise zu geben zur <rechten> Zeit? Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, bei solchem Tun finden wird! In Wahrheit sage ich euch, daß er ihn über seine ganze Habe setzen wird. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr läßt sich Zeit mit dem Kommen, und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen und zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, so wird der Herr jenes Knechtes kommen an einem Tag, an dem er es nicht erwartet, und in einer Stunde, die er nicht weiß, und wird ihn entzweischneiden und ihm sein Teil festsetzen bei den Ungläubigen (Lk 12,42-46) 

Es ist von entscheidender Bedeutung sich bewusst zu machen, an wen Jesus seine sogenannten Endzeitreden richtete. Sie waren an seine Jünger gerichtet. Nicht
an eine zukünftige Generation von Gläubigen, sondern an die erste. Und genau diese ersten Jünger sollten all das beherzigen und erleben,
was er ankündigte. Sie meinte er, als er von Verfolgungen und Drangsalen sprach. Sie meinte er, als er die Zeichen des Gerichts und der Ankunft des Menschensohnes erläuterte
Es ist unredlich, diese Worte Jesu auf eine irgendwann in der Zukunft lebende Generation von Gläubigen in aller Welt zu projizieren. Denn davon ist nicht die Rede. 
Jesus wies seine Jünger auf spezifische Zeichen hin, die in Israel stattfinden sollen: Auf den vom Propheten Daniel angekündigten "Gräuel der Verwüstung" im Jerusalemer Tempel. Er redete davon, dass die Jünger beten sollen, dass ihre Flucht von Judäa auf die Berge nicht am Sabbat stattfinden soll. (vgl. Mt 24,15-21). Von einem Sonntag ist hier bezeichnenderweise keine Rede! 

Es ist offensichtlich und eigentlich auch selbstverständlich, dass Jesus seine damals anwesenden Nachfolger in Israel im Blick hatte, es sei denn, er hätte etwas anderes gesagt. Das hat er aber nicht. Und deshalb erwarteten die damals bei Jesu Endzeitrede Anwesenden zu ihren Lebzeiten die vorausgehenden Zeichen seiner Wiederkunft. Zu seinen damaligen Jüngern sagte Jesus: 
Dann werden zwei auf dem Feld sein, einer wird genommen und einer gelassen; zwei Frauen werden an dem Mühlstein mahlen, eine wird genommen und eine gelassen. Wacht also! Denn ihr wißt nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das aber erkennt: Wenn der Hausherr gewußt hätte, in welcher Wache der Dieb kommt, so hätte er wohl gewacht und nicht zugelassen, daß in sein Haus eingebrochen wird. Deshalb seid auch ihr bereit! Denn in der Stunde, in der ihr es nicht meint, kommt der Sohn des Menschen. (Mt 24,40-44)
Wenn aber jener <als> böser Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr lässt auf sich warten, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und ißt und trinkt mit den Betrunkenen, so wird der Herr jenes Knechtes kommen an einem Tag, an dem er es nicht erwartet, und in einer Stunde, die er nicht weiß und wird ihn entzweischneiden und ihm sein Teil festsetzen bei den Heuchlern: da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein. (Mt 24, 48-51)

3. Probleme durch die nichteingetretene Wiederkunft Jesu 

„Wegen der sich verzögernden Ankunft des Herrn wurden manche Christen immer nervöser und waren in großer Anspannung“!
Die Naherwartung war für die ersten Jünger eine wichtige Motivation für das Befolgen der ethischen Forderungen der Bergpredigt, die an seine Nachfolger gestellt wurden, um das, was im bald beginnenden Reich Bedeutung haben würde, schon in der Gegenwart zu antizipieren und zu verwirklichen. 
Dieser wichtige Motivationsfaktor für die Einhaltung der ethischen Gebote der Bergpredigt ist heute weitgehend nicht mehr vorhanden, was sich nachteilig auf die gelebte Ethik vieler Christen auswirkt, die dem Anspruch Jesu, im Hinblick auf das bald anbrechende Reich Gottes alles für ihn aufzugeben und einzusetzen, eher nicht genügen. Die Gründe dafür sind gut nachzuvollziehen, wie weiter unten noch erläutert wird. 

3.1 Probleme in der Urchristenheit 

3.1.1 Finanzielle Probleme
der Jerusalemer Gemeinde 

Wegen der starken Naherwartung des erneuten Kommens Jesu verwehrten die Apostel den zur Urgemeinde in Jerusalem Zuströmenden nicht, alle ihre Habe zu verkaufen und zu Füßen der Apostel zu legen, um in der Urgemeinde alles gemeinsam zu haben und den Armen zu helfen. Denn alle rechneten mit der baldigen Wiederkunft Jesu (vgl. Apg 3,20+21!), wobei der Messias dann sowieso die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in Israel grundlegend neu ordnen und sie an seiner Herrschaft beteiligen würde. 
Da sich Jesu Wiederkunft verzögerte bzw. nicht eintrat, bekamen die Mitglieder der Jerusalemer Urgemeinde durch ihren praktizierten „Vermögenskommunismus“ (vgl. Apg
2,44-45; 4,34-35) finanzielle Probleme, die dadurch gemildert werden mussten, dass aus dem Ausland Spenden angenommen wurden. 

Die später in Antiochia entstandene Gemeinde unterstützte die quasi als„ökonomische Kommune“ lebende Jerusalemer
Gemeinde mit Spenden. Nicht zuletzt sammelte Paulus Gelder aus seinen eigenen Gemeinden, um sie den Armen der Urgemeinde zur Verfügung zu stellen, als „Dienst für die Heiligen in Jerusalem“, wie er sagte. (vgl. Gal 2,10; Apg 11,29-30; Röm 15,25+26; 1. Kor 16,3). 
 Nervosität und Anspannung in manchen Gemeinden 
Tatsache ist, dass damals – im Gegensatz zu heute – alle Nachfolger Jesu mit seiner baldigen Rückkehr rechneten. Tatsache ist auch, dass die sich immer weiter verzögernde Wiederkunft Christi für die Gemeinden zu einem ernsthaften Problem wurde, wie der 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher, der 2. Petrusbrief und auch das Ende des Johannesevangeliums zeigen: 
Wegen der sich verzögernden Ankunft des Herrn wurden manche Christen immer nervöser und waren in großer Anspannung. Paulus beruhigte diese Gläubigen und stellte klar, dass vor der Ankunft des Herrn (bzw. der Entrückung der Gläubigen) erst noch der „Mensch der Gesetzlosigkeit“ (der „Antichrist“ ) geoffenbart werden müsse, der zunächst einen Abfall von Gott bewirkt und der dann durch den auf die Erde wiederkommenden Jesus vernichtet würde. Solange dieser „Gesetzlose“ nicht aufgetreten sei, bräuchten sie sich nicht verrückt zu machen bzw. beunruhigen zu lassen, dass die Ankunft des Herrn unmittelbar bevorstünde. (vgl. 2. Tess 2,1-3+8, 1. Joh 2,18) 

Verspottung der Christen und Kritik durch die Ungläubigen 

Viele Christen waren von dem bevorstehenden Ende des Zeitalters (1. Petr 4,7) und der bald bevorstehenden Ankunft Christi überzeugt (1. Petr 5,4). Doch Jahrzehnte vergingen und nichts tat sich. Ungläubige machten sich über die nichteingetretene Naherwartung lustig und hatten dadurch natürlich ein Argument gegen die christliche Botschaft. Deswegen wurde den Gläubigen im 2. Petrusbrief der Rücken gestärkt (vgl. 2. Petr.3,3+4), indem gerade die Kritik an der nichteingetretenen Naherwartung als besonderes Zeichen der Endzeit gedeutet wurde. Außerdem wurde eine Erklärung für die Verzögerung der Ankunft gegeben: Um den Ungläubigen noch die Zeit zu geben, sich zu bekehren: 
“Der Herr verzieht nicht die Verheißung, wie es etliche für einen Verzug achten, sondern er ist langmütig gegen euch, da er nicht will, daß irgend welche verloren gehen, sondern daß alle zur Buße kommen.“
(2. Petr. 3,9) 
Objektiv betrachtet ist diese letztgenannte Erklärung aus heutiger Sicht gesehen jedoch nicht mehr überzeugend. Denn während der bis heute zusätzlich eingeräumten Frist, und das sind mittlerweile immerhin fast 2000 Jahre, gingen und gehen immer mehr Menschen verloren, sprich „sie werden in die Hölle kommen“ oder „sie werden für immer ausgelöscht“ (je nach Auffassung, was „verloren gehen“ bedeutet). Es ist aus Sicht einer „Gesamtbilanz der Errettung“ sehr unbarmherzig, dass die Frist immer weiter, um Jahrhunderte, sogar Jahrtausende verlängert wird, und deswegen immer mehr Menschen „verloren gehen“. 

3 .1.4 Durch die starke Naherwartung hervorgerufene Gerüchtebildung 

Manche Nachfolger Jesu der ersten Stunde erwarteten aufgrund einer missverstandenen Äußerung Jesu, er käme wieder, bevor der Apostel Johannes (das ist möglicherweise „der Jünger, den Jesus besonders liebte“ Joh 19,26; 20,2; 21,7; 21,20) gestorben sei. 
Dadurch entstand das Gerücht, dass dieser Apostel „nicht sterben würde“, das heißt, er würde nicht sterben, weil der Herr vorher kommt. 
Als der Apostel dann doch gestorben war, musste dieses Gerücht offensichtlich nachträglich korrigiert werden, was dann am Ende des Johannes Evangeliums erfolgte, durch eine Klarstellung dessen, was Jesus damals wirklich zu diesem Jünger gesagt hatte (vgl. Joh. 21,22+23). 
Das alles zeigt, wie stark die Naherwartung in alle Lebensbereiche der ersten Christen hineinwirkte. 

Aufgeschobene Lösung theologischer Probleme 

In meinem Aufsatz „Paulus und die theologische Spaltung der Urchristenheit“ habe ich aufgezeigt, dass es damals einen grundlegenden theologischen Dissens bezüglich des Zusammenlebens zwischen gläubigen Juden und Nichtjuden gab. Die an Jesus gläubigen Juden hatten unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie sie mit den an den Messias gläubiger gewordenen Nichtjuden zusammenzuleben hätten. Auf dem so genannten Apostelkonzil in Jerusalem wurde zwar die Frage nach der Beschneidung von gläubig gewordenen Nichtjuden geklärt. Das Thema der Tischgemeinschaft zwischen gläubigen Juden und Nichtjuden blieb hingegen offen. Der Galaterbrief informiert uns darüber, dass Paulus dem Petrus diesbezüglich sogar Vorwürfe machte und ihn kritisierte. Ob zu Recht, steht hier nicht zur Debatte. 
Sehr wahrscheinlich hat die Naherwartung etwas damit zu tun, dass das Problem des Zusammenlebens von Juden und Heiden auf dem so genannten „Apostelkonzil“ nicht gelöst wurde. Es gab sicher die Erwartung und Hoffnung, dass mit der baldigen Ankunft des Messias diese, vor allem in der jüdischen Urchristenheit höchst strittige Frage, sowieso bald vom Messias entschieden würde. Nach Meinung der Apostel hat es sich hier um ein Problem gehandelt, das sich sehr bald von selbst erledigt hätte. Und da diese Frage unter den jüdischen Messiasgläubigen ein extrem „heißes Eisen“ war, ließ man sie, wegen der bald erwarteten Ankunft des Messias, unbeantwortet. 

3.2  Ungereimtheiten im NT bezüglich der Naherwartung 

3.2.1 Weltweite Mission contra Naherwartung 

In der wissenschaftlichen Theologie ist unbestritten, dass der so genannte Missionsbefehl Jesu nicht authentisch ist. Dafür gibt es mehrere handfeste Gründe, auf die an dieser Stelle nicht eingegangen werden soll. Mir ist noch ein weiterer Grund aufgefallen, der den Missionsbefehl, so wie Jesus ihn angeblich seinen Jüngern übermittelt haben soll, nämlich zu den Nationen in alle Welt zu gehen und alle Menschen zu Jüngern zu machen, ad absurdum führt. Er hat mit der Naherwartung zu tun: Die faktische, über längere Zeit andauernde und starke Naherwartung der Urgemeinde und der Apostel widerspricht ihrer Beauftragung zur weltweiten Völkermission, weil Letzteres sehr viel Zeit benötigt. Hätten die Jünger vorausgesetzt, dass sie vorher nicht nur ihre Volksgenossen (das war schon Arbeit genug!), sondern weltweit auch alle nichtjüdischen Völker (Mt 28,19a) missionieren sollen, und dann erst das Ende des Zeitalters kommen wird (vgl. Mt 28,20), dann hätten sie selbstverständlich ihre Naherwartung sofort aufgeben müssen. Es wäre für die Jünger unmöglich gewesen, dem Befehl einer nennenswerten weltweiten Heidenmission auch nur ansatzweise nachzukommen, wenn Jesus schon zu ihren Lebzeiten wiederkommen sollte.

Nichteingetretene Ankündigungen 

Im Johannesevangelium, in dem eine sehr vom Hellenismus beeinflusste und somit vergeistlichte Theologie vertreten wird, heißt es ganz unverblümt, dass Jesus den ersten Jüngern zugesagt hätte, dass er noch zu ihren Lebzeiten wiederkäme, um sie zu sich (d. h. in den Himmel) zu nehmen. Das sollte ein Trost für die Jünger sein, die Jesus damals wegen seines bevorstehenden Todes am Kreuz (und anschließender Himmelfahrt) verlassen musste. 
Hier geht es übrigens nicht mehr um die allgemeine jüdische Erwartung einer Ankunft (bzw. Wiederkunft) des Messias oder des Menschensohnes nach Israel, um konkret auf der Erde das Reich Gottes zu errichten, sondern um eine Hinwegnahme der Jünger in ein undefiniertes himmlisches Reich (Zitat: „Stätte, wo ich bin“): 
„Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin.“
(Joh 14,3) 
Nun ist aber offensichtlich, dass diese Zusage der Wiederkunft mit anschließender
Hinwegnahme zu sich in den Himmel, die Jesus kurz vor seinem Tode den damals anwesenden Jüngern gemacht haben soll, nicht eingehalten wurde. Diese Jünger sind alle gestorben. Der Messias ist eben gerade nicht wiedergekommen, um sie vor ihrem Ableben zu sich zu nehmen. 
Dafür gibt es zwei Erklärungsmöglichkeiten: Entweder hat sich Jesus hier geirrt oder es wurde ihm diese Ankündigung, von wem auch immer, in den Mund gelegt. 

4. Naherwartungsbewegungen in der Kirchengeschichte 

Im Laufe der Kirchengeschichte hat es in der Christenheit eine Vielzahl von Naherwartungsbewegungen gegeben. Das ist angesichts der durch das Neue Testament geschürten Naherwartung auch nicht weiter verwunderlich, sondern zu erwarten. Immer dann, wenn Menschen die Aussagen des Neuen Testaments besonders ernst nahmen, wurden sie mit dem Thema der für den Messias angekündigten Wiederkunft konfrontiert. 
Exemplarisch seien hier genannt: die Montanisten (ab 150 n. Chr.), die so genannten Taboriten (16. Jahrh.), Strömungen im Pietismus (ab Mitte des 17. Jahrh.), die Bewegung der Adventisten (19. Jahrh.), die Zeugen Jehovas, die neuapostolische Kirche, die Entrückungseuphorie vieler Evangelikaler ab Mitte der 1970er Jahre. 
Kennzeichnend ist, dass Naherwartungsbewegungen häufig zunächst von Einzelnen ausgingen, die nach eigenem Bekunden besondere Offenbarungen bzw. Erkenntnisse von Gott bekommen hatten, insbesondere, dass das Weltende nahe sei bzw. der Messias vor der Tür stehe. Manche stellten anhand biblischer Daten Berechnungen an und sagten sogar die genaue Zeit der Wiederkunft Christi voraus, die dann jedoch nicht eintrat. 

Tatsache ist, dass diese als „Propheten“ auftretenden Christen ihren Glauben besonders ernst nahmen, wie auch die biblischen Aussagen über die Wiederkunft Jesu sowie bestimmte apokalyptische Bücher (Daniel, Offenbarung des Johannes). Durch gruppendynamische sowie psychologische Prozesse wurde dann eine größere Menge von Gläubigen erfasst, die sich häufiger auch in besonderen exklusiven Glaubensgemeinschaften sammelten. 
Die Betroffenen selbst interpretierten ihre Endzeithoffnung als „Wirken des Heiligen Geistes“. Gott erneuere Teile der abgefallenen Christenheit und mache sie bereit für die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft des Herrn. Wenn diese Wiederkunft dann regelmäßig nicht eintrat, wurden verschiedenste, z. T. abstruse Erklärungen gegeben. Das konnte jedoch nicht verhindern, dass ein Teil der Betroffenen ihre Glaubensgemeinschaft aus Enttäuschung verließ, wie es im größeren Maßstab bei den Adventisten und Zeugen Jehovas der Fall war. 

4.1 Die Entrückungseuphorie der 1970er Jahre 

Der Autor dieses Aufsatzes, damals Mitglied einer freikirchlichen „Pfingstgemeinde“, hat ab Mitte der 1970er Jahre die Entrückungseuphorie evangelikaler Christen (auch außerhalb von Pfingstgemeinden) miterlebt und geteilt. 
Angestoßen durch bestimmte Bücher (z. B. von Hal Lindsay: Alter Planet Erde wohin?), die sich intensiv mit der biblischen Prophetie und ihrem Bezug zur Gegenwart beschäftigten, sowie durch den Israelkrieg 1967, durch die Erdölkrise (erstmals im Jahre 1973) und düstere Prognosen des Club of Rome; angestoßen durch die Lauheit der offiziellen Christenheit und die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft, breitete sich damals die Erwartung des nahenden Weltendes mit vorausgehenden Katastrophen aus. Jesus käme bald auf die Erde wieder und vorher würden die wahren Christen entrückt; sie würden vor dem Schlimmsten bewahrt werden. 
Die große und auch bange Frage war damals: „Bist Du bereit?“ Denn nur diejenigen, die einen entsprechenden Lebenswandel führten, würden entrückt werden.
Viele Evangelikale rechneten damals damit, dass nur noch wenige Jahre bis zur Wiederkunft Jesu vergehen würden. Ausgesprochen oder unausgesprochen wurde bisweilen das Jahr 2000 als Fixpunkt gesehen, bis zu dem das Weltende allerspätestens kommen werde. 
Der Naherwartung wurde in vielen Predigten Ausdruck verliehen, sowie durch einschlägige Aufkleber und Sticker, z.B. mit der Aufschrift „Jesus kommt wieder“. Es
wurden Musicals über die sogenannte „Entrückung der Gläubigen“ verfasst und aufgeführt, um die lauen Christen zu warnen. Eine Fülle von christlicher Literatur griff das Thema auf. Nicht zuletzt wurden diesbezügliche Romane verfasst (z. B. „Left Behind“ von Tim LaHaye), die in den USA zum Bestseller wurden. Die Naherwartung blieb in Deutschland freilich auf den kleineren Teil der evangelikalen Christenheit beschränkt. Die Großkirchen blieben davon unbeeindruckt.
Was ist aus dieser Euphorie geworden? Teilweise besteht sie in gewissen Glaubensgemeinschaften noch fort. Zum großen Teil ist sie wieder abgeflaut und die unmittelbare Naherwartung wurde wie schon öfters relativiert bzw. aufgegeben. 
Heute gibt es in Teilen der evangelikalen Christenheit verstärkt theologische Strömungen, die beinhalten, dass man nicht auf die Wiederkunft Jesu warten, sondern die Weltprobleme schon vorher in Angriff nehmen und lösen solle. Durch alle Christen guten Willens könne gewissermaßen das „Paradies“ schon vor der Wiederkunft Jesu auf der Erde geschaffen werden. Zu nennen ist hier der amerikanische Baptist Rick Warren und sein so genanntes PEACE-Programm. Bis 2020 will Warren 1 Milliarde Christen mobilisieren, um die dringendsten Probleme der Menschheit zu lösen (Klimaschutz, Armut, Krankheiten, soziale Ungerechtigkeit usw.). 
Grundsätzlich ist eine stärker „handlungsorientierte“ Einstellung der Christen nicht falsch, weil auch Jesus selbst „handlungsorientiert“ war, wenn er auch nicht so weit ging, die damalige ungerechte Römerherrschaft über Israel anzugehen. Die durchgreifende Veränderung der Verhältnisse in Israel und weltweit sollte ja dann später durch den von Jesus angekündigten Menschensohn erfolgen, der leider bis heute noch nicht gekommen ist. 
Trotzdem bleibt ein Unbehagen: Warum sollten die Christen durch das PEACE Programm von Rick Warren heute schaffen, was die Christenheit 2000 Jahre lang nicht geschafft hat, nämlich die Errichtung einer gerechten und friedvollen Gesellschaft? Und was ist mit den biblischen Prophetien im Tenach, die voraussagen, dass nur der von Gott gesandte Messias globale Gerechtigkeit und Frieden schaffen kann und wird? Was ist, wenn größenwahnsinnige Christen, die die politische Macht anstreben, die Menschen zu ihrem Glück zwingen wollen, auf Kosten ihrer Freiheit? 
Wie früher, als die katholische Kirche große und z. T. verderbliche Macht ausübte. Alles im Namen Gottes und mit angeblich guten Absichten! 

5. Die problematischen Folgen der nichteintretenden Wiederkunft Jesu für uns heute 

Das Problem der nichteingetretenen Naherwartung ist bis heute ungelöst. Die ursprüngliche Jesus-Bewegung war eine Endzeit-Bewegung gewesen, die ein neues Zeitalter zu ihren Lebzeiten erwartete und maßgeblich davon geprägt war. In dem Moment, wo die Jesus-Gemeinschaften diese Hoffnung mehr und mehr aufgaben, änderten sie maßgeblich ihr Gesicht. 
Die strenge Ethik Jesu und die radikale Lebensweise der ersten Christen, die dadurch Armut, Mühsal und zusätzlich noch Verfolgung auf sich nahmen, können nur angesichts der Hoffnung auf das bald anbrechende Gottesreich bzw. der baldigen Ankunft des Menschensohnes vollständig verstanden werden. 
Veränderte Theologie und Schaffung von Machtstrukturen 
Als die Ankunft des Menschensohnes ausblieb, musste die Theologie abgeändert, werden. Die jüdische Erwartung eines buchstäblichen Königreiches Gottes unter der Herrschaft des bald kommenden Messias (bzw. des Menschensohnes), wurde verdrängt durch die Vorstellung eines geistlichen Reiches Gottes, welches sich durch die Kirche auf der Erde immer weiter ausbreiten solle. Der Erfolg und Machtzuwachs der unaufhörlich größer werdenden katholischen Kirche (besonders ab Konstantin dem Großen im 4. Jahrh.) schien die Legitimität dieser Vorstellung zunächst zu bestätigen. Der kommende Christus wurde von der Mehrheit der Christen nur noch als Weltenrichter erwartet, allerdings erst ganz am Ende der Zeiten, sozusagen zur Beendung der Weltgeschichte. Bis dahin, so glaubten die meisten Christen, übernahm die Kirche die Herrschaft Gottes über die Erde. Während die Jünger Jesu noch ein Leben im irdischen Reich erhofft hatten, sehnten sich viele spätere Christen nach einem Leben nach ihrem Tod im Himmel, zumal ihr irdisches Leben – obgleich unter der Herrschaft der Kirche – doch nicht so toll war und eher einem „Jammertal" glich. 
Die Vergeistigung von Inhalten der ursprünglich jüdischen Theologie, die schon in dem sehr spät verfassten Johannes Evangelium einige Spuren hinterlassen hat, kam den hellenistisch geprägten Heidenchristen entgegen, die sehr früh die Mehrheit der Christenheit ausmachte. Ursprüngliches jüdisches Denken wurde unterwandert oder sogar verdrängt, durch hellenistische Gedanken (insbesondere durch den Platonismus), die den Heidenchristen vertraut waren. Die theologische „Verschiebung" kann grob gekennzeichnet werden mit folgenden Begriffspaaren: „Himmel statt Erde", "Dominanz von Glaubenssätzen (Dogmen) zu Lasten des ethischen Handelns", "Seele statt Körper". In der Kirche entstanden viele neue Dogmen und Lehren, die die jüdischen Jünger und Apostel nie akzeptiert hätten. 

5.2 Verständliche "Verwässerung" der rigorosen Nachfolge Jesu 
Jesu extremer Anspruch, dass seine Nachfolger für ihn sogar die Familienbindungen aufgeben sollten, kann nur vor dem Hintergrund der damals angekündigten kurz bevorstehenden „Zeitenwende" richtig eingeordnet werden
: 
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. (Mt 10,37) 
Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und die Mutter und die Frau und die Kinder und die Brüder und die Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein. (Lk 14,26) 
Heute ist diese radikale Forderung für viele (auch viele Christen) nicht mehr gut nachzuvollziehen. Kein Wunder: Der Mensch kann auf Dauer nur sehr schwer sichtbare familiäre Bindungen und sogar sein eigenes Leben für etwas anderes zurückstellen, das er nur im Glauben erhofft. Hier hat es natürlich derjenige leichter, der – wie möglicherweise Jesus – nicht verheiratet ist und somit keine Rücksicht auf seine Familie zu nehmen braucht. 
Darüber hinaus gibt es für Verheiratete mit Kindern ein Motivationsproblem: Es ist für jemanden viel schwerer, seine Familie und seinen Beruf beiseite zu stellen, die Armut bzw. Abhängigkeit von anderen zu wählen, um dann zeichenhaft die nicht gerade einfach zu erfüllende strenge Ethik Jesu zu leben, wenn er nicht mehr mit dem unmittelbar bevorstehenden Beginn des Reiches Gottes auf Erden rechnet, wie die Jünger damals, vor fast 2000 Jahren, oder mit der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft des Menschensohnes, wie die späteren Urchristen. 
Dazu kommen nicht zu vernachlässigende finanzielle Sorgen für seine Familie bzw. ihn selbst. Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass Jesus offensichtlich materielle bzw. finanzielle Unterstützung durch Dritte bekam, insbesondere von Frauen, die ihn „mit ihrer Habe" unterstützten (vgl. Mt 27,55; Lk 8,3). Ohne diese Unterstützung durch andere geht es offensichtlich nicht!
Das Thema Armut und Reichtum spielte bei Jesus eine erstaunlich große Rolle. Jesus hatte die Armen beglückwünscht und die Reichen kritisiert. Das klingt an, z. B. in der Bergpredigt (Lk 6,20), wo die Armen selig gepriesen werden, oder z. B. in den Weherufen über die Reichen (Lk 6,24+25) sowie an vielen anderen Stellen in den Evangelien (z. B. Lk 7,22b; Lk 18,22 Mk 10,23; Mk 12,41–44). So wurde zum Beispiel der so genannte „reiche Jüngling“ von Jesus aufgefordert, alles zu verkaufen (und dadurch selbst arm zu werden) und den Erlös den Armen zu geben (Mk 10,21). Doch die Armut an sich ist Doch die vernünftigerweise kein Zustand, der für irgendjemand auf Dauer erstrebenswert wäre, weil er für die Betroffenen eine schwere Last bis hin zur Bedrohung ihrer Existenz bedeutet. Auch hier muss man sich bewusst machen, dass die Bergpredigt (z. B. Jesu Seligpreisung der Armen) nur vor dem Hintergrund des bald kommenden Reich Gottes verstanden werden darf. Denn im neuen Zeitalter würden die ökonomischen Zustände grundlegend verändert werden durch die Einführung einer neuen gerechten Gesellschaftsordnung, in der Ausbeutung und Benachteiligung der Vergangenheit angehören. Bald würde es also keine Armen und keine Unterdrückung mehr geben. 
In dem Falle, dass das neue Zeitalter auf unbestimmte Zeit ausbleibt, macht es keinen Sinn mehr, die Armen selig zu preisen. Man kann sich auch nicht mehr nur darauf beschränken, die Armut durch Almosen und Spenden zu mildern, sondern man muss sie zusätzlich politisch beseitigen, durch Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen. 
Auch muss man für sich selbst finanzielle Vorsorge mit Augenmaß betreiben und darf nicht einfach alle finanziellen Ressourcen aus der Hand geben, so wie es die Mitglieder der Urgemeinde in Jerusalem in ihrer Naherwartungseuphorie gemacht hatten und deswegen verarmten. 
Aus dem Gesagten folgt, dass einige Aussagen Jesu, sei es in Bezug auf bestimmte Seligpreisungen, sei es im Hinblick auf das Beiseitestellen von Beruf und Familie, nicht eins zu eins auf die heutige Zeit übertragen werden können, weil heute die baldige Ankunft des Reiches Gottes bzw. die baldige Wiederkunft des Messias – im Gegensatz zu damals – nicht mehr als sicher vorausgesetzt wird. 

5.3 Die unerfüllte Sehnsucht nach einer neuen Gesellschaftsordnung 

Wenn nun das Reich Gottes schon so lange nicht gekommen ist bzw. nach kirchlicher Theologie auch nicht kommen wird – weil es sozusagen nur im Himmel zu verorten ist, oder weil es geistlich verstanden wird – bleibt die Frage, ob die Menschheit aus eigener Kraft in der Lage ist, eine friedliche und gerechte Gesellschaft aufzubauen. Der Autor ist da skeptisch. Jedenfalls waren die großen Kirchen und die Freikirchen dazu bis heute nicht in der Lage. 
Im Gegenteil: Die Christenheit hat versagt. Die alte Kirche stützte schon sehr bald die Mächtigen und begünstigte so die Ausbeutung der Armen durch die Mächtigen. Teilweise bereicherte sie sich selbst auf Kosten ihrer eigenen Glieder. Der Prunk des Vatikans und der in der Kirchengeschichte zu verzeichnende verschwenderische Hofstaat etlicher Päpste und Kardinäle, das luxuriöse Leben etlicher Bischöfe bis zum heutigen Tag dokumentieren das eindrücklich. Heute noch genießen die großen Kirchen in manchen Ländern, z. B. in Deutschland, staatliche Privilegien, die ihnen finanzielle Vorteile sichern. Auch ist ihr Geld- und Immobilienvermögen weltweit gesehen beträchtlich. 
Nicht zuletzt übte die Kirche sehr große Macht aus (ganz im Gegensatz zur Lehre Jesu, vgl. Mk 10,42-44). Das tat sie über lange Zeit und ihr Einfluss erstreckte sich über große Gebiete. Sie erweiterte ihren Einflussbereich häufiger auch durch blutige Gewalt (Zwangsmissionierung, Zwangstaufen, Kreuzzüge). Ihr Machtmissbrauch führte zu einem Meinungsmonopol mit der Verfolgung Andersdenkender (Inquisition, Ketzerprozesse, Scheiterhaufen, Judenverfolgung). Ähnliches geschah übrigens auch bei Luther und etlichen anderen Reformatoren! Deswegen hatte Johann Wolfgang von Goethe Recht mit seiner treffenden Charakterisierung: 
„Glaubt nicht, dass ich fasele, dass ich dichte; / Seht hin und findet mir andre Gestalt! / Es ist die ganze Kirchengeschichte / Mischmasch von Irrtum und von Gewalt.“(Zahme Xenien 9, Nach- lass) 
Auch folgendes Zitat von Heinrich Böll (Schriftsteller 1917-1985) bringt einen zum Nachdenken: 
„Ich frage mich vieles, vor allem das eine: Wie ist es möglich, daß 800 Millionen Christen diese Welt so wenig zu verändern vermögen, eine Welt des Terrors, der Unterdrückung, der Angst.“ 
Wenn also weder die Christen noch irgendeine andere Organisation die Welt bis zum heutigen Tag befrieden und von ihren Hauptübel befreien konnten, und sie es zukünftig auch nicht schaffen werden, bleibt tatsächlich nur die Hoffnung auf Gottes Eingreifen durch den vom Propheten Daniel angekündigten Menschensohn bzw. dem vom Tenach an gekündigten Messias.
Eine diesbezügliche Naherwartung ist allerdings angesichts der immer wieder enttäuschten Erwartungen und der in diesem Aufsatz beschriebenen Fakten nicht mehr sinnvoll.
Stattdessen ist das maßvolle ethische Handeln eines jeden Einzelnen gefragt, auch und gerade im Hinblick auf politische Veränderungen in der Gesellschaft sowie Veränderungen
in den Kirchen und Freikirchen. Es mag eine „Sisyphusarbeit" sein. Es ist aber vielleicht das Beste, was wir tun können, in der Erwartung, dass irgendwann  hoffentlich schon zu unseren Lebzeiten – die wunder- bare Verheißung des Propheten Micha Realität wird: 

Und am Ende der Tage wird es geschehen, da wird der Berg des Hauses des HERRN fest- stehen als Haupt der Berge, und erhaben wird er sein über die Hügel. Und Völker werden zu ihm strömen, und viele Nationen werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns hinaufziehen zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs, daß er uns aufgrund seiner Wege belehre! Und wir wollen auf seinen Pfaden gehen. Denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem. Und er wird richten zwischen vielen Völkern und Recht sprechen für mächtige Nationen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Nie mehr wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden das Kriegführen nicht mehr lernen. 
Und sie werden sitzen, jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und niemand wird sie aufschrecken. Denn der Mund des HERRN der Heerscharen hat geredet. 
Ja, alle Völker leben, ein jedes im Namen seines Gottes. Wir aber leben im Namen des HERRN, unseres Gottes, für immer und ewig. 
An jenem Tag, spricht der HERR, sammle ich das Hinkende, und das Vertriebene bringe ich zusammen und das, dem ich Übles getan habe. 
Und ich mache das Hinkende zu einem Überrest und das Ermattete zu einer mächtigen Nation. Da wird der HERR König über sie sein auf dem Berg Zion, von da an bis in Ewigkeit.
(Micha 4,1-7) 

Autor: Arno Farino

Quelle:   http://www.lamakor.info

Rundbrief des Jüdisch Messianischen Lehrdienstes LaMakor